Dieser
Bericht soll ein Einblick über das Wohnen in einem Plattenbau der
Ukraine geben, wie es die finanziell klein gestellten Bürger,
also die
Mehrzahl der Ukrainer, tagtäglich erleben müssen.
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Ein besonderes Flair stellen die aus Sozialistischer
Vergangenheit erstellten Plattenbauten bereit, von denen es Unmengen
gibt, in
denen der „normale“ Bürger lebt, liebt und leidet.
Die ursprüngliche Idee bestand darin, jeden „Helden der
Arbeit“ ein Dach über den Kopf zu
verschaffen, mit fließend Warm- und Kaltwasser, Strom, Gas und Heizung
– also
ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.
Das ist Gottlob auch in die Tat umgesetzt worden,
allerdings mit der damaligen Bauweise, deren Eigenschaften aus schnell,
einfach
und austauschbar bestand, ohne Rücksicht auf Energieressourcen und
Umwelt.
Die Erhaltung der Wohnblöcke war Sache des Staates.
Da nach der Unabhängigkeit der Ukraine alles teurer wurde, ist die
Instandhaltung der Häuser jetzt auf das wesentliche reduziert worden,
es wird
nur noch repariert was zum weiteren Betrieb eines Gebäudes unbedingt
erforderlich ist.
Die Bewohner verfügen meistens über so wenig Einkommen,
das in den Wohneinheiten auch nur herumgeflickt und gebastelt, also
auch
keine vernünftige Instandhaltung betrieben wird.
Der Technische Zustand ist entsprechend.
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Ausblick aus unserer Wohnung
Kiew /
Ortsteil Trajeschinna |
Außerdem ist die Bevölkerung der Meinung, hinter der
Wohnungstür hört die eigene Zuständigkeit auf. Daraus resultieren
entsprechend
dreckige und verkommende Flure, Lifte und Hauseingänge.
Wird ein Plattenbau betreten, fallen sofort die desolaten
Briefkästen ins Auge, die an einer trostlos grau verputzten oder mit
einer
dunklen Lackfarbe bemalten Wand hängen. In manchen Bauten wurden sogar
noch
diese „Musterroller“ verwendet. (Musterfarbroller in Farbe tauchen und
dann
Muster auf den nackten Putz rollen.)
Besteht der Plattenbau aus mehr als 5 oder 7 Stockwerken ist
normalerweise ein Lastenlift und ein Personenlift vorhanden, von denen
meist einer gerade ohne Funktion ist. Die Sauberkeit in diesen
Fahrstühlen ist
reine Glückssache. Wir haben oft genug erlebt, das Hundekot- und Urin
hinterlassen wurde.
Auch kleine Kinder und Jugendliche, die nicht zum Haus
gehören, verrichten ihre Notdurft aus Ermangelung an öffentlichen
Toiletten
schon mal in einem fremden Lift.
Auch die Tastatur zum betätigen der Stockwerke fällt
öfters den Vandalismus zum Opfer. Hilfreich ist ein
Plastikkugelschreiber
oder Einwegfeuerzeug, um die entsprechende Taste mit fehlender Kappe
betätigen zu können.
An der Wohnung angekommen, wird die aus
Schallschutzgründen mit Kunstleder und Schaumstoff gepolsterte Tür, die
durch
ein oder auch zwei Schlösser gesichert ist, mit großen doppelbärtigen
Schlüsseln aufgeschlossen und es wird sofort eine zweite Tür erblickt,
die
ebenfalls entriegelt werden muss.
Dann wird eine Wohnung betreten, die im krassen
Gegensatz zu dem eben beschriebenen Zuständen steht. Hier könnte man
vom
Fußboden essen, so strahlt und glänzt es.
Als erstes kommt ein kleiner Flur, in dem die Schuhe
ausgezogen und abgestellt werden können.

Im Wohnzimmer das obligatorische Klappsofa, auf dem am
Tage gesessen und in der Nacht geschlafen wird.

Gegenüber dem Klappsofa steht
ein, fast die ganze Wand in Anspruch nehmender, dunkler Schrank im
Gelsenkirchener
Barock - Stil und ein Wohnzimmertisch sowie ein bis zwei Sessel. In
irgend einer Ecke befindet sich der Fernseher. Der Boden ist mit
Teppichen
ausgelegt.

An den Wänden befinden sich mit ukrainischen Mustern
bedruckte Tapeten,die zum größtem Teil
von Wandteppichen verdeckt werden.
Das zweite Zimmer, meistens das Kinder- und oder Gäste-
Schlafzimmer besitzt eine ähnliche Einrichtung.
In der Küche steht die mit nur einem Becken versehende Spüle, an der
ein einfacher und stetig tropfender
Wasserhahn seinen Dienst verrichtet.
Daneben der weiß emallierte Gasherd, bei deren Anblick die 60er Jahre
wieder in Erinnerung gerufen werden.
Dieser Herd ist dann mit einem Gasrohr verbunden, dessen
Zusammenhalt wohl nur aus der ca. 1cm dicken Farbschicht zu bestehen
scheint.
Das am Gasrohr befindliche Absperrventil mit dem handgroßen Griff macht
aber
einen sehr soliden Eindruck, so das ein gewisses Vertrauen wieder
hergestellt
werden kann.
Dann folgt in irgendeiner Ecke der Kühlschrank Marke
„Dnjepr“ der in Größe und Design an die alten „Boschkühlschränke“ der
50er
Jahre erinnert und ständig, aufgrund der alten Dichtungen, vereist ist.
Zum Schluss ist da noch ein Küchentisch mit drei kleinen
quadratischen Hockern, die aus Platzgründen unter den Tisch gestellt
werden
können.
Das Badezimmer besteht aus einer einfachen
Wanne in emailleweiß-flugrost, die sich in den engen Raum, der mit
ukraineblauer
Lackfarbe gestrichen wurde, sehr viel Platz einnimmt.
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Ein schon sehr gut
renoviertes
Badezimmer... |
Am Kopf der Badewanne
befindet sich wieder ein Wasserhahn der weiter oben beschriebenen
Bauart, der mit der
städtischen Warmwasserversorgung verbunden ist.
Um den Anbau eines zweiten
Wasserhahnes über dem Waschbecken zu sparen, kann der Hahn zwischen
Wanne und Waschbecken geschwenkt werden - das ist praktisch.
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..dieser Zustand ist
dagegen öfters
anzutreffen. |
Wo keine Warmwasserversorgung
vorhanden ist, gibt es einen Gasdurchlauferhitzer.
Hier wird geduscht, gebadet und - in den meisten Fällen
mangels einer Waschmaschine, auch Wäsche gewaschen.
Die im Bild zu sehende Wanne besteht aus Kunststoff, mit dem sich im
Laufe der Jahre die Schmutzwasserflecken verbunden haben und nicht mehr
entfernt werden können.

In einem äußerst kleinen
separaten Raum befindet sich die Toilette, an dessen
aus weißem Porzellan bestehenden Spülkasten, so
manche Bastelstunde verbracht wird.
Der im Bild zu sehende WC - Raum ist verfliest worden. Das ist
üblicherweise aber nicht der Fall. Statt dessen wäre eineTapete oder
weiß angestrichener Putz zu sehen.
In den Zimmern befinden sich entsprechend große
Heizkörper oder auch dicke Rohrleitungen OHNE Temperaturregler.
Die Technik der Raumbeheizung eines Wohnblocks läuft
folgendermaßen ab:
Das von der Stadt bereitgestellte Warmwasser wird zur
obersten Etage geleitet, dort verteilt und läuft nach unten von Wohnung
zu
Wohnung durch die Heizkörper.
Deshalb ist es in der obersten Wohnung immer sehr
warm, in der untersten dagegen ist die meiste Wärme schon aufgebraucht
worden
und entsprechend kühler ist die Wohnung. Da wird dann halt der
4-flammige
Gasherd zur Beheizung mit herangezogen.
Da die Heizkörper ohne Temperaturregler ausgestattet
sind, wird die Temperatur im Zimmer über das öffnen der Fenster
reguliert.
Daher entstand der Satz „Wir heizen für die Umwelt“.
Die eindruckvollste und auch beängstigenste selbst
gebastelte Heizkonstruktion die wir je gesehen haben, bestand aus an
der
Wohnzimmerwand befestigten, alten
Porzellanisolatoren, an denen ein mehrere Meter langer Draht befestigt
war.
Dieser Draht war mit seinem elektrischem Widerstand ausgemessen worden
und
glühte, nachdem an das Stromnetz angeschlossen, munter vor sich hin und
verbreitete Wärme.
Eine solche Wohnung hat eine
Wohnfläche von ca. 55m² und muss für 3-4 Personen genügen. Für größere
Familien stehen natürlich auch entsprechend große Wohnungen zur
Verfügung, die technische Ausstattung bleibt aber gleich.
Seltsamerweise sind diese Wohnungen nicht „Hellhörig“ und
es gibt deshalb auch kaum Probleme mit den Nachbarn.
Die Warmwasserversorgung wird - nicht nur in Kiew - im
Sommer für 4-6 Wochen wegen Wartungsarbeiten außer Betrieb genommen.
Für
„Warmduscher“ ist die Ukraine also als Urlaubsziel nicht immer geeignet.
Wir haben erlebt, das auf dem Lande in einer kleinen Stadt, die
komplette
Wasserversorgung durch das abstellen der Wasserpumpen nachts zwischen 1
Uhr und
4 Uhr regelmäßig unterbrochen wurde. Die Stadtwerke wollten mit dieser
Aktion Strom
einsparen. Da hieß es Wassereimer bereitstellen, für das „Geschäft“
zwischendurch.
Auch Stromausfälle für ein bis zwei Stunden können mal
passieren, im ländlichen Bereich des öfteren.
Nun kommen wir zur „dunklen“ Seite dieser Plattenbauten.
Auch wenn Sie keine Kakerlaken sehen – sie sind definitiv
vorhanden.
Diese Tierchen können sich in einem Plattenbau frei bewegen.
An der Küchenwand befindet sich ein Lüftungsschacht zum Abzug der
Küchendünste,
das vom Keller bis zum Dach reicht und an dem alle Wohnungen in einem
Bauabschnitt angeschlossen sind.
Somit ist es für die flinken Gesellen jederzeit möglich
das Revier bei Nahrungsmangel zu wechseln.
Was noch schlimmer ist: Sie halten die Kakerlaken durch
selbstlosen Gifteinsatz kurz, aber ihr Nachbar, der keine Kenntnisse
über
Lebensmittelhygiene besitzt, züchtet diese geradezu.
Das einzige was wirklich hilft diese Plage in Schach zu
halten, ist die konsequente Verpackung aller Lebensmittel in Dosen und
anderen Schabensicheren Behältnissen in Kombination mit Gifteinsatz.
Außerdem sollte peinliche Sauberkeit
eingehalten werden, z.B. keine Brotkrumen liegenlassen – oder den
Abfall immer
sofort in dem im Flur befindlichen Müllschlucker entsorgen, über den
sich die
Tiere übrigens auch über die Etagen verteilen können.
In einem besonders warmen Sommer hatten wir es in einer Kiewer Wohnung
erlebt, das durch die explosionshaftige Vermehrung der
Kakerlaken diese nicht mehr so recht wussten, wo sie sich verstecken
sollten.
Nachts zu Hause angekommen,in der Küche
das Licht angeschaltet und schon konnten ca. 100 Tiere erblickt werden,
die starr vor Schreck erst einmal an Ort und Stelle stehen blieben.
Nach
mehrmaligen energischem Schlagen auf den Küchentisch verzog sich auch
der
letzte Nachzügler respektvoll in eine dunkle Ecke.
Zum Glück halten sich die Tiere überwiegend um Küche,
Toilette und Badezimmer auf, weil sie auf Wasser angewiesen sind.
Stetig
tropfende Wasserhähne und ewig laufende Spülkästen stellen aber eine
garantierte Versorgung sicher. Wenn dann noch offen gelagerte
Lebensmittel
hinzukommen – das Paradies könnte nicht schöner sein.
Habe ich
schon erwähnt, das der Kühlschrank mit seinen maroden Dichtungen trotz
Kälte
kein Hindernis für die flachen Tierchen bedeutet? – wir haben sie
„Eskimokakis“
getauft.
Wir waren schon in vielen Wohnungen und eine wirklich
„Kakerlakenfreie“ Zone in einem der alten Plattenbauten wurde bis zum
heutigen
Datum nicht vorgefunden.
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Wir hoffen,
das diese Schilderung einen kleinen Einblick in
das Leben abseits vom Tourismus in der Ukraine geben konnte und
wünschen jeden eine
Kakerlakenfreie, warme Wohnung mit funktionierender Heißwasserdusche.
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